Mit Tablet und Bodycam zum Hausbesuch

„Digitales Dorf“: In Spiegelau und Frauenau werden erste Konzepte in die Praxis umgesetzt

Die letzten Glasöfen in Spiegelau sind längst erloschen. Wo im Landkreis Freyung-Grafenau bis in die 60er-Jahre die Glaskunst einen Beitrag für wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand leistete und auch Arbeitsplätze generierte, scheint es heute kaum mehr eine Perspektive für Neuzuzüge oder die Ansiedlung von Firmen zu geben. Im nur etwa 13 Kilometer entfernten Frauenau (Kreis Regen) gibt es noch drei aktive Glashütten. Dennoch hat auch das Dorf an der tschechischen Grenze arg mit den Folgen des demografischen Wandels zu kämpfen. Mithilfe digitaler Informations- und Kommunikationstechnik soll nun beiden Gemeinden neues Leben eingehaucht werden.

Spiegelau und Frauenau sind im November 2016 als südbayerische Modelldörfer für das Projekt „Digitales Dorf“ ausgewählt worden (wir berichteten). Das Projekt will mit- hilfe digitaler Technik die Zukunftschancen von Gemeinden ver- bessern. Beide Dörfer werden vom Technologiecampus Grafenau (TCG) betreut, Professorin Diane Ahrens ist die Projektleiterin.

Dorfbewohner entwickelten Konzepte

In vielen Bürgerversammlungen und Arbeitskreisen wurden in den vergangenen Monaten zusammen mit den Dorfbewohnern Konzepte entwickelt, die nun nach und nach in die Praxis umgesetzt werden. Ab Mitte Mai sollen zunächst ausgewählte Personen, wie etwa Verwaltungsangestellte der Gemeinde, Bauhofmitarbeiter sowie Lehrer und Eltern die Konzepte im Alltag testen. Knapp zwei Monate später sollen die Konzepte dann auch von der gesamten Dorfbevölkerung genutzt werden können.

Umgesetzt werden zunächst Projekte aus den vier Themenfeldern Medizin, Mobilität, Verwaltung und Schule:

Ferndiagnose per Bildschirm

Zwar sind sowohl in Spiegelau als auch in Frauenau Hausärzte ansässig. Schon jetzt machen Arzthelferinnen hin und wieder Hausbesuche, müssen danach aber wieder in die Praxis um die weitere Behandlung oder Medikation mit einem Arzt abzuklären. Ein Lösungsansatz soll die Tele-Diagnose sein.

In einem ersten Schritt werden die Praxen nach Angaben von Gudrun Fischer, Diplominformatikerin am TCG, mit telemedizinischer Technologie ausgestattet. Die Arzthelferinnen erhalten Tablets oder Bodycams für die Hausbesuche. Werte, wie etwa den Blutdruck, übermitteln sie so direkt in die Praxis. „Das spart viel Zeit“, sagt Fischer. Angedacht ist auch ein Tele-Medizin-Netzwerk. Ein Gesundheitszentrum in Spiegelau soll als Koordinationsstelle fungieren – und zwar rund um die Uhr.

Vernetzt durch Shuttlebusse

Die Gemeinde Spiegelau ist in insgesamt 33 Ortsteile gegliedert – und gleicht so einem Flickenteppich. Einzelne Ortsteile seien schlecht bis gar nicht an den öffentlichen Perso- nennahverkehr angebunden, erklärt Fischer. Ein Dorfshuttlebus soll das künftig ändern. „Dafür gibt es schon einen positiven Förderbe- scheid.“ Der Shuttlebus soll feste Stationen anfahren, aber auch je nach Bedarf eingesetzt werden – buchbar über eine App auf dem Smartphone. Solange das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt, werde es aber erst einmal eine Tele- fonzentrale geben, bis sich alles ein- gespielt hat.

Das Rathaus im Internet

Die Hundesteuer von zu Hause aus anmelden, Antragsformulare oder Verordnungen online einsehen können – mit einem digitalen Rathaus soll das bald Realität sein. Ein solches digitales Rathaus ist in Frauenau geplant. Ausgewählte kommunale Dienste sollen digital erledigt werden können. Fischer nennt ein weiteres Beispiel: Ein Anwohner bemerkt, dass in seiner Straße eine Laterne nicht mehr funktioniert. Er macht ein Foto und kann dieses mit den genauen GPS-Daten über ein speziell dafür eingerichtetes Portal per Smartphone an die Gemeinde senden. Die Nachricht kommt direkt beim dafür zuständigen Mitarbeiter des Bauhofs an. Der Anwohner bekommt automatisch eine Rückmeldung, dass seine Nachricht eingegangen ist und wann die Störung behoben wird.

Die Schulfamilie wird digital

In beiden Dörfern gibt es jeweils eine Grundschule“, sagt Fischer. Für beide Gemeinden soll ein Schulportal geschaffen werden – eine digitale Plattform für Lehrer, Eltern und Schüler. Unnötige Bürokratie kann so abgebaut werden. „Eltern können über diese Platt- form beispielsweise Sprechzeiten bei den Lehrern buchen oder Vertretungspläne einsehen“, erklärt Fischer. Selbst die Krankmeldung von Kindern soll künftig digital übermittelt werden können. Elternbriefe sollen sogar als Pushnachricht auf den Smartphones der Eltern aufploppen. Fischer vergleicht das neu geschaffene Portal mit dem Messenger-Dienst WhatsApp. Der Unterschied: „Niemand muss seine Rechte an Google abtreten. Alles wird verschlüsselt und geschützt sein.“

„Das Digitale-Dorf-Projekt ist eine Riesenchance für den ländlichen Raum“, sagt der Spiegelauer Bürgermeister Karlheinz Roth(CSU). Die Geschwindigkeit der Digitalisierung habe die Menschen überrollt, schiebt er hinterher. „Da kommt eine Revolution auf uns zu, jeder Lebensbereich ist davon betroffen.“ Das Thema Digitalisierung sei breitgefächert und müsse sensibel behandelt werden. Oft entstünden Missverständnisse, weil „jeder eine andere Vorstellung von Digitalisierung hat“.

„Versuchen, Generationen unter einen Hut bringen“

Roth ist es wichtig, dass alle Einwohner hinter dem Projekt stehen. Digitalisierung um jeden Preis will er nicht. Die Umsetzung des Projekts dürfe nicht zu sozialer Ausgrenzung führen und schon gar nicht die bisherige Welt aus den Angeln heben. Eine differenzierte Betrachtung ist ihm wichtig: „Auch Ängste und Risiken müssen angesprochen werden.“

Diese Meinung teilt auch der Frauenauer Bürgermeister Herbert Schreiner (SPD). Kaum Berührungsängste mit dem Projekt haben beide Bürgermeister bei den älteren Gemeindebewohnern beobachtet. In beiden Gemeinden reagierten Senioren aufgeschlossen, und das nicht zuletzt, „weil wir versuchen, die Generationen unter einen Hut zu bringen“, sagt Schreiner.

Dem Frauenauer Bürgermeister war es ein Anliegen, dass die Vorschläge für die Konzepte aus der breiten Bevölkerung kommen. „Das macht es echt und greifbar.“ Ein digitales Dorf zu werden, sei nicht einfach, gibt Schreiner zu. „Das war völliges Neuland.“ Gleichzeitig beschwichtigt er: „Das Radl muss aber nicht neu erfunden werden.“ Kleinigkeiten geraten zwar immer wieder ins Stocken. Zeitdruck bleibe da nicht aus. Dennoch liege seine Gemeinde gut im Zeitplan. „Bis Mitte des Jahres können wir erste kleine Erfolge vorweisen“, sagt Schreiner.

24.03.2018 | Straubinger Tagblatt – Kathrin Madl